Ev. Kirchengemeinde Lübbecke Ev. Kirchengemeinde Lübbecke

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Gemeindebrief Sommer 2011

Lübbecker Gemeindebrief Sommer 2011
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Keine Bilder, Mission und Kampf der Kulturen

 

 



Der Kampf der Kulturen findet statt, liebe Gemeinde. Da möge die Blockflöten spielen, wie sie wollen, da mögen die Friedensapostel predigen, was sie können – der Kampf der Kulturen ist im vollen Gange.

Eine Gegenüberstellung. Ich lese aus einer Erklärung der Lausanner Bewegung, ein evangelistisch-missionarischer Zusammenschluss verschiedener Gruppen und Gemeinden, mit dem Titel „Christlicher Glaube und Islam“: „Christen werden in Verantwortung vor Gott dem Schöpfer dem sozialen Frieden in der Gesellschaft große Bedeutung beimessen ... Sozialer Friede ist aber kein „letzter Wert“ für das ewige Heil der Menschen. Deshalb hat die Verkündigung des Evangeliums an Muslime grundsätzlich Vorrang vor der Sicherung des Sozialen Friedens.“(S. 29). Dem möchte ich eine Position aus der Schrift der EKD „Klarheit und gute Nachbarschaft“ gegenüberstellen: am Ende der Handreichung werden 10 Kriterien für den christlich – islamischen Dialog benannt. Darin heißt es unter 6. : „Dialog und Mission schließen sich nicht aus;“ um dann folgendermaßen fortzufahren: „Es ist eine zentrale Frage, wie der Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens vertreten, aber gleichzeitig dem Gegenüber sein Anspruch auf Wahrheit zugestanden werden kann . ... Es sollte nicht die eigene „bessere“ Theorie mit der „schlechteren“ Praxis der anderen verglichen werden.“ (S. 113) – also nach dem Motto: wir Christen haben die Feindesliebe – in der guten Theorie; wir wissen zwar, dass wir uns auch nicht immer daran halten – aber immerhin! Und die Muslime aber kennen den heiligen Krieg und den Terrorismus, auch wenn viele Muslime dies alles selbst nicht mögen, aber irgendwie gehört das doch zum Islam. Gegen diese Haltung der Überlegenheit, gegen dieses sich, auf Kosten der anderen, schöner reden, als man wirklich ist – dagegen verwahrt sich die EKD Schrift mit guten Gründen. Die Schrift der Lausanner Bewegung aber lebt genau von dieser dauernden Unterscheidung: wir Christen auf der einen Seite, die Muslime auf der anderen.

Was ich ihnen liebe Gemeinde mit diesem kleinen Beispiel zeigen wollte: der Kampf der Kulturen findet statt, immerzu. Aber nicht als Kampf zwischen dem Christentum und dem Islam. Vielmehr werden innerhalb der christlichen und innerhalb der muslimischen Welt die Zerreißproben geübt. Der Kampf der Kulturen ist ein innerchristliches Problem, genauso wie er ein Problem innerhalb der islamischen Welt ist. Es geht bei diesem Kampf innerhalb der eigenen Glaubensgemeinschaft um die Kultur des absolutistischen Wahrheitsanspruches – auf der einen Seite; und auf der anderen Seite steht die Kultur der Fragen, die Kultur des „eschatologischen Vorbehaltes“. Vornehm ausgedrückt - ist es schlicht die Erinnerung daran, dass Gott selbst sich am Ende aller Tage das letzte Wort vorbehalten hat. Wir haben hier in unserem Leben also nicht zu Urteilen, sondern zu bezeugen. Bezeugen, nicht Urteilen – sehr wohl die Geister unterscheiden, aber nicht in der Meinung, mit meiner Unterscheidung das Urteil Gottes gesprochen zu haben – sondern: mit allem was ich kann und weiß, bleibe ich ein Erdenkind und als Erdenkind bleibe ich darauf angewiesen, dass Gott selbst sich meiner noch einmal gnädig annehmen wird; vor allem möge er meine Urteile, meine Unterscheidungen und Untersuchungen – oder wie soll ich das alles nennen, was ich unter die Leute geworfen habe – gnädig anschauen – und unter seiner Gnade wird das alles noch einmal zum großen Erstaunen verwandelt – (1.Kor 15). Bezeugen, nicht Urteilen – diese Haltung geht auf die entscheidende Stelle im NT zurück, die mit Mission zu tun hat. Ich meine den Auftrag Jesu, der am Ende des Matthäusevangeliums überliefert wird. Ich glaube, wir tun gut daran, uns grade im Hinblick auf den christlich – islamischen Dialog an diesen Auftrag zu erinnern. Er wird oft als „Missionsbefehl“ umschrieben, ich finde dies keine glückliche Überschrift. Viele behaupten, dass es sinnvoll sei, gerade im Zusammenhang des christlich – islamischen Dialoges lieber nicht von Mission zu sprechen. Als Christenmensch kann ich nur sagen: wenn nicht hier, wo dann? Die Frage ist nur: Was verstehen wir unter Mission und, vor allem, wie praktizieren wir sie? Ich lese den Text aus dem Matthäusevangelium, 28. Kapitel, nach einer Übersetzung von Walter Jens:

Jesus Christus, der Auferstandene spricht:   

„Gegeben wurde mir:

die Große Macht,

im Himmel und auf der Erde.

Darum

lasst alle Völker

meine Schüler sein!

Tauft sie auf den Namen das Vaters

und des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Und lehrt sie zu halten:

Alles, was ich euch auftrug.

Seht!

Ich bin bei euch,

jeden Tag,

bis diese Zeit vollendet ist.“

 

In diesem Text stecken zwei Voraussetzungen - und als Christenmenschen sagen wir: genau diese Voraussetzungen gehen wir mit ein, wir halten uns daran und wenn wir uns daran halten, dann ergibt sich für uns daraus eine bestimmte Haltung.

Die erste Voraussetzung bezieht sich auf den Sprecher dieser Worte: Jesus Christus, der Auferstandene. Wir können über Jesus viele schöne und ergreifende Worte sagen. Das entscheidende für Christen allerdings ist, dass Jesus am Kreuz gestorben und auferstanden ist. Diese Voraussetzung teilen wir gerade nicht mit den Muslimen. Auch für sie ist Jesus eine wichtige Person. Aber sie können von ihren Voraussetzungen her gerade nicht sagen, dass er gekreuzigt wurde und auferstanden ist. Für uns Christen ergibt sich aber daraus eine ganz bestimmte Konsequenz. Jesus selbst zieht in seinen Worten: wenn Ihm ist die ganze Macht im Himmel und auf Erden gegeben ist – und wir haben die Aufgabe, alle Leute zu seinen „Schülern“ zu machen. Also schlicht dafür zu sorgen, dass so viel Menschen wie möglich seine Botschaft hören. Wir haben etwas zu sagen, keine Frage, und wir sollen das auch tun: wir sollen uns vor die Menschen, natürlich auch vor die Muslime hinstellen und ihnen sagen, was wir von Jesus gehört haben, was wir von ihm glauben: dass er, als der Auferstandene, die Macht über Leben und Tod hat und das hier auf Erden und auch nach dieser Erdenzeit, im Himmel. Und die entscheidende Frage im christlich – islamischen Dialog ist nun: wie machen wir das? Dazu gibt es von Jesus eine recht eindeutige Haltung: Jesus sagt – wer von euch der Erste sein will, wer sich also vor die Menschen hinstellen will und ihnen etwas erzählen will, der sei aller Diener. (Matth. 20,26) Wie soll denn auch sonst deutlich werden, dass Er, Jesus die Macht hat im Himmel und auf Erden – und nicht wir, die Christen..?!?

Das war und ist nämlich das große Problem in der ganzen Missions- und Dialog-Debatte – wer hat hier wirklich das Sagen, wer hat die Macht. In einer christlichen Unkultur haben sich Christen oft, zu oft im Besitz der Wahrheit gesehen und dann daraus die Haltung abgeleitet: wir haben im Endeffekt die Macht, die Verfügungsgewalt über die anderen. Das kann man noch etwas mit diakonischen, liebevollen Aktionen „aufhübschen“,– am Ende läuft es aber auf diese, in der Geschichte zu oft anzutreffende Haltung hinaus: wir haben Recht, die haben Unrecht, wir haben die Wahrheit, die leben in der Unwahrheit; darum müssen sie sich unserer Oberhoheit fügen. Sie müssen so werden wie wir!

„Wer unter euch der Erste sein will, der sei aller Diener!“ Wenn ich anderen wirklich etwas von Jesus erzählen will, dann muss meine erste Frage lauten, was dient ihnen. Wenn ich Muslimen etwas von Jesus erzählen will, dann muss ich mich und meine Kirche fragen, was dient den Muslimen, was hilft ihnen, hier in unserer Gesellschaft, die nach wie vor mehrheitlich vom christlichen Glauben geprägt ist – nehmen sie allein die Feiertagsregelungen, die für die ganze Gesellschaft gelten – was also hilft ihnen hier zu leben...? Dienen heißt: diese Frage als echte Frage zu stellen und dann gemeinsam mit Muslimen nach Antworten zu suchen. Das ist die Haltung, die aus der ersten Voraussetzung des Missionsauftrages folgt.

Und die andere Voraussetzung lautet: ich bin bei euch, alle Tage, bis diese Zeit vollendet ist. – Welch eine Entspannung! Wir brauchen nichts zu beweisen, nichts zu demonstrieren, nicht, dass wir die besseren Menschen wären, dass wir die bessere Religion haben ... – aus allem dem holt uns das Versprechen Jesu heraus: ich bin bei euch. M.a.W.: Ihr braucht mich also durch keine moralische, missionarische oder sonstige Glanzleistungen herbeizuzaubern. Ich bin bei euch. Auch wenn ihr mich nicht spürt, auch wenn ihr an euch selbst und allem anderen zweifeln solltet – ich bin bei euch.

Dieses Versprechen Jesu ist nichts anderes als die neutestamentliche Auslegung des 2. Gebotes – und das lautet, nach reformierter Zählung: Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten was unten auf der Erde, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist...

Mit den Bildern und Gleichnissen, die man sich auf Gott gemacht hat, wollen die Menschen zu allen Zeiten sich dieser angeblich unbekannten, fernen, fremden, bedrohlichen Macht, die sie Gott nennen, bedienen. Gott soll handhabbar werden. Vor allem soll er keine unbequemen Fragen stellen. Ein Bild, das ich selbst gemacht habe, stellt mir keine Fragen, vor denen ich Angst haben bräuchte. Denn das ist die Behauptung, die hinter jeder Bilderproduktion steckt: vor Gott, dem Allmächtigen muss man eigentlich Angst haben, denn er sieht alles, weiß alles, beurteilt alles – „big brother is watching you!“ Und damit man vor diesem großen, unheimlichen Gott sicher ist, macht man sich sein Bild – dann ist dieser Gott viel angenehmer, viel besser zu handhaben.

Wenn Jesus nun sagt: ich bin bei euch, dann sagt er damit: „lasst diese Angstbilder Gottes da, wo sie hingehören, in der Versenkung! Ich bin das Bild Gottes für euch. Angst? – Angst gibt es hier nicht. Aber Fragen, Fragen schon. Fragen, die vielleicht ungewohnt, wahrscheinlich auch unbequem werden können – aber Angst, Enge... nein! Schließlich hab ich selbst die Enge, den Tod überwunden, damit ihr davor keine Angst mehr zu haben braucht. Darum lernt von meiner Weite. Es ist die Weite des ewigen Lebens. Darum frage ich euch: macht ihr das Leben für euch und die anderen weit oder eng.? Haben sie Raum, haben die Muslime bei euch Raum, um ein Leben mit mir zu entdecken? oder verstellt ihr durch eure Art und eure Unart nur ein Leben mit mir? Macht ihr Angst oder macht ihr Freude? Wie redet ihr über die anderen?  Kehrt ihr das, was ihr von den anderen hört zum besten – oder setzt ihr noch eins drauf? Beteiligt ihr euch an der Verunglimpfung eurer muslimischen Nachbarn oder haben sie faire, ehrliche, unvoreingenommene Fürsprecher in eurer, in meiner Gemeinde? Ich bin bei euch – das ist Kraftquelle und Maßstab! Glaubt mir!“

Liebe Gemeinde, mit diesen beiden Voraussetzungen dürfen wir den Muslimen und allen anderen Menschen gegenübertreten. Das ist unsere Mission. Mission heißt eigentlich „geschickt“. Ich hoffe, dass wir wirklich ‚geschickt’ sind, dass wir in der Lage sind, diese Aufgabe zu übernehmen, in dieser Haltung, den Namen Jesu bekannt zu machen. Es geht darum, eine Kultur der Einladung, des Gewollt-seins in unserer Gesellschaft und in unserer Kirche zu etablieren. Möge Gott es geben, dass wir dazu geschickt sind, geschickt werden...

 

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.

 

Amen

 

 Predigt beim Nachbarschaftstreffen der Reformierten Gemeinden 

Minden am 7. November 2010