Die erste große Selbstverständlichkeit
Dienstag, den 26. Januar 2010 um 09:50 Uhr

Zum Glück geschieht immer wieder etwas ganz selbstverständliches, z.B. dass Großeltern ihre Enkel gerne bei sich haben, dass Freunde sich erkundigen, wie es einem geht, wenn man schwere Tage vor sich oder hinter sich hat – oder vielleicht auch noch mitten drin steckt. Es geschieht auch immer noch, dass es im Winter kalt und im Sommer warm ist – obwohl man bei diesem Sommer schon merkt, wie eigentümlich es ist, wenn das Selbstverständliche doch nicht so selbstverständlich eintritt.
In unserer Betrachtung des „Vater unser“ möchte ich die ersten drei Bitten als die großen Selbstverständlichkeiten bezeichnen: „geheiligt werde dein Name, dein Reich komme, dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Jetzt also zur ersten großen Selbstverständlichkeit: „Geheiligt werde dein Name“ – eigentümlich, nicht wahr? So eigentümlich, wie wenn jemand um etwas völlig selbstverständliches bittet. Müssen wir Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde wirklich darum bitten, dass sein Name geheiligt werde? Hat er nicht die Macht, dafür zu sorgen, dass sein Name überall auf der Welt bekannt ist und dass diesem Namen der entsprechende Respekt, die angemessene Achtung, die nötige Ehrfurcht entgegengebracht wird? Selbstverständlich hat er diese Macht. Wenn er denn wirklich der Schöpfer des Himmels und der Erde ist, wie sollte er sie nicht haben?
Aber eigentümlich, er setzt diese Macht nicht ein. Erhält sie ganz offensichtlich zurück. Oder wie sollte man sonst verstehen, dass nicht nur über Gott ständig gelästert und gespottet wird – wobei der offene Spott ja noch die harmlosen Entheiligung des Namens Gottes ist. Viel hinterhältiger ist ja die Entheiligung des Namens Gottes, die im Namen Gottes selbst geschieht: wenn Menschen im Namen Gottes gemordet werden, wenn Tiere im Namen des Fortschritts geopfert werden, wenn ganze Weltregionen für eine „besseren Zukunft“ abgeholzt werden, dann wird auf unheimliche Weise Gottes Namen entheiligt. Dann wird die bessere Zukunft, die eigentlich Gott gehört, dann wird der Fortschritt, der nur von einem Leben aus Gott zu erwarten ist, dann wird Gott selbst angetastet.
Warum hält sich Gott so zurück? Weil er seinen Namen an einen Menschen gebunden hat, nämlich an Jesus aus Nazareth. Und der hat allein mit menschlichen Mitteln, mit Worten und mit Taten die Macht seines himmlischen Vaters bekannt. Zwar bekennen wir als Christen, dass einmal vor ihm sich alle werden verbeugen müssen, alle werden seine Macht, die er jetzt noch verbirgt und die in seinem Namen liegt anerkennen. Aber solange sind wir darauf verwiesen, um die Heiligung dieses Namens zu bitten. Es ist uns aus der Hand genommen, irgendwelche Machtmittel einzusetzen, um dieser Heiligung nachzuhelfen. Das entheiligt ja nur seinen Namen – wie die Kirchengeschichte und die Gegenwart zur Genüge zeigt. Es bleibt uns also nur, ganz einfach, ganz menschlich darum zu bitten, dass Gott der ihm gebührende Platz im Leben eingeräumt werden möge, zunächst und vor allem im eigenen Leben und dann auch im Leben meines Umfeldes, meiner Stadt, meines Staates. Auf diese Weise werden auch wir Menschen den Platz im Leben finden, der uns zukommt; wir werden im Beten erstaunlich menschliche Wesen werden können. Eigentlich alles ganz selbstverständlich – aber wir müssen offensichtlich auch um dieses Selbstverständliche immer wieder bitten.

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