Zwei Worte, die alles enthalten
Dienstag, den 26. Januar 2010 um 09:49 Uhr
Zwei Worte, die alles enthalten

Manchmal gibt es Sätze oder Gedanken, die einem für einen Moment alles erklären. Ich z.B. höre gerne Radio, Kommentare zum politischen Geschehen, Analysen von Wahlergebnissen u.s.w.. Da gibt es immer wieder Leute, die mir in wenigen Augenblicken erklären können, warum Menschen sich so oder anders entschieden haben, warum – um ein aktuelles Beispiel zu nehmen – Tony Blair aus England den Europäern im Moment so zu schaffen macht. Der Mann hat gute Gründe. Das bedeutet noch lange nicht, dass mit einem Fingerschnips alle Probleme geklärt wären, aber nachvollziehen, was der andere meint, ist ja schon eine Hilfe, die eigenen Gedanken zu ordnen.
Genauso ist es bei den ersten Worten des Gebetes von Jesus: „Vater unser“. In diesen beiden Worten ist alles enthalten, was und wofür Jesus gelebt hat. Natürlich sind damit noch längst nicht alle Fragen auf der Welt beantwortet; im Gegenteil, es brechen jetzt erst richtig eine Unmenge an Fragen auf: dürfen wir so familiär von Gott oder auch zu ihm reden? Machen wir Gott dann nicht zu einer harmlosen Allerweltsgröße, die uns auch nichts bringen kann? Und vor allem: warum „Vater“? Dass er kein Mann mit langem Bart ist hat sich schon herumgesprochen, aber spiegelt sich in dieser Anrede an Gott nicht der uralte männliche Überlegenheitsanspruch wieder und haben andere Religionen, die sich eher auf Muttergottheiten beziehen nicht viel friedlichere, natürlichere Verhaltensweisen hervorgebracht als die jüdisch-christliche Tradition?
Ich glaube, dass umgekehrt ein Schuh daraus wird: wenn wir wissen wollen, wie und was der himmlische Vater ist, dann dürfen wir nicht mit unseren Vorerfahrungen unser Verstehen blockieren, sondern wir sollten auf das besondere Verhältnis Jesu zu seinem himmlischen Vater achten und dann allerdings uns fragen, welche Erfahrungen mit unseren Vätern oder auch welche Verhaltensweisen wir als Väter mit dieser biblischen Vorgabe in Einklang bringen können. Und ich sehe in dem Verhältnis zwischen Jesus und seinem himmlischen Vater nur eine bestimmende Kraft – und das ist: Liebe, grenzenloses Vertrauen. Keine Rede von Angst vor Strafe, keine Rede von einem alles beobachtenden, kontrollierenden und begutachtenden Übervater. Eher ein Wesen, das wirklich versteht, das die Grenzen seiner Schützlinge kennt und sich nur nach einem sehnt, dass sie zu ihm kommen, voller Vertrauen. Für mich stecken da eine Menge Anfragen an unsere Väter und an mich als Vater drin…!
Und schließlich noch das andere Wort: „unser“. Gott gibt es nie nur für mich. Wenn ich zu Gott gehören darf, wie eine Tochter oder ein Sohn zum Vater gehört, dann habe ich diesen himmlischen Vater nie für mich allein. Ich habe ihn wohl für mich, ich darf ihn mit all meinen Sorgen und meinem Kummer bestürmen, ich sollte ihm auch all meine Erfolge und meine Glücksmomente erzählen; aber niemals kann ich diesen Vater zu Mittel, zur Waffe gegen andere machen. Er ist und bleibt „unser Vater“ – auch wenn das mein Denken und Empfinden weit übersteigt.
So ist in diesen beiden Worten „Vater unser“ die ganze Botschaft, das ganze Leben von Jesus aus Nazareth, den wir Christen als Sohn Gottes bekennen enthalten. Zwei Worte – und ein Leben reicht nicht aus, diese beiden Worte auszuschöpfen.

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