Beten - wie geht das?
Dienstag, den 26. Januar 2010 um 09:48 Uhr
oder warum selbst die Experten nicht Bescheid wissen

Heute, als ich diesen Text schreibe wird gerade in Hannover der Deutsche Evangelische Kirchentag eröffnet. Am Ende wird man sagen, wie schön es war, wie viele Menschen gekommen sind und welche Erwartungen man für das nächste Mal schon formulieren kann. Auch ich werde mich für einen Tag unter die Leute mischen und hoffentlich gute Anregungen und Erfahrungen mit nach Hause nehmen. Aber eine Verlegenheit, die werde ich auch dort nicht überwinden können: die Verlegenheit, nicht beten zu können.
Erstaunt sie das? - „Ein Pfarrer, der nicht beten kann? Schließlich macht er das doch jeden Tag, es gehört doch zu seiner beruflichen Qualifikation, beten zu können und andere zum Beten anzuleiten, oder?“ so könnte man fragen. Ja, das stimmt schon, ich habe von Berufswegen immer wieder zu beten, aber ich mache es natürlich nicht, weil es mein Beruf ist, sondern, weil ich eine alte, tiefe Sehnsucht in mir habe; die Sehnsucht nämlich nach Gewissheit über mich und über mein Leben. Diese Sehnsucht spiegelt sich allerdings oft in meinen Gebeten wider, gerade wenn ich aus beruflichen Gründen in eine Situation komme, die einem eher die Sprache verschlägt. Bei Beerdigungen zum Beispiel geht es mir immer wieder so, dass ich nicht weiß, was ich beten soll, wie es angemessen wäre. Dann fällt mir nur der Satz ein: „Herr, stärke unseren Glauben.“
Beten ist nämlich eine Form, ehrlich zu werden. Wenn es denn so ist, dass wir Menschen im Gebet vor Gott treten, dann kann und dann braucht man sich keine Täuschungsmanöver über sich und andere mehr zu leisten. Wenn Gott Gott ist, wenn er mich kennt, wie nur der Schöpfer sein Geschöpf und wie der gute Hirte seine ihm anvertrauten Schafe kennen kann, dann brauche ich ihm nichts vorzumachen, wie großartig ich bin und welche Erfolge ich in meinem Leben doch dank seiner Hilfe schon zu verzeichnen habe. Dann kann ich ihm einfach nur sagen, was ist und wie es bei mir ist und bei denen, mit denen ich es zu tun habe. Allerdings, dies ist das Schwerste überhaupt. Ich täusche mich doch so schnell über meine wirkliche Situation hinweg. Wieviele innere Stimmen prasseln auf mich ein, wenn ich anscheinend zur Ruhe komme; dann komme ich nämlich noch längst nicht da an, wo ich im Gebet sein sollte, nämlich vor Gott. Ich bin dann erst noch lange bei mir und bei den mehr oder weniger wichtigen Fragen, die mich beschäftigen.
Und dann kann ich nur mit den Jüngern sagen: Herr, lehre mich beten. Diese Leute, die schon lange mit Beten vertraut waren, die mit Jesus unterwegs gewesen sind und die doch eigentlich hätten wissen müssen, wie das geht, das Beten – auch die gerieten in diese alt-bekannte Verlegenheit und konnten ihren Herrn und Meister nur darum bitten, dass er ihnen zeigen möge wie das geht, das Beten. Und Jesus zeigt es ihnen. Er lehrt sie das Vater unser.
Dieses Gebet aller Christen möchte ich mit Ihnen, liebe Leser nun in den nächsten Ausgaben etwas näher betrachten. Die Verlegenheit wird uns nicht abhanden kommen, aber vielleicht gelingt es mir im Nachsprechen dieses alten Gebetes an der ein’ oder anderen Stelle, etwas ehrlicher zu werden.

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