Warum die Kirche redet
Dienstag, den 26. Januar 2010 um 09:47 Uhr

Hildegard Knef, eine Schauspielerin, die in den sechziger und siebziger Jahren große Erfolge feierte, erzählt in ihrem Buch "Das Urteil", wie sie sich nach vielen Operationen im Haus eines katholischen Priesters erholt hat. Nach einiger Zeit lässt sie sich zu einer Abendmesse einladen und erlebt, wie sie beim "Vater unser" nach den alten, bekannten, aber schon lange nicht mehr gesprochenen Worten sucht. Wie lange ist es her, seit sie das letzte Mal gebetet hat...? Auf dem Rückweg zum Pfarrhaus fragt sie den Priester: "Was sagst du eigentlich, wenn ein Kind stirbt? Was sagst du den Eltern?"
Der Priester: "Ein Fünfjähriger starb vor zwei Wochen. Ich will euch sagen, warum ich Christ bin - hab ich damals gesagt -, weil die Welt so unglaublich geschwätzig ist, laut und vorlaut, solange alles gut geht. Nur wenn jemand stirbt, dann wird sie verlegen, dann weiß sie nichts mehr zu sagen. Genau an dem Punkt, wo die Welt schweigt, richtet die Kirche ihre Botschaft aus. Ich liebe die Kirche um dieser Botschaft willen. Ich liebe sie, weil sie im Gelächter einer arroganten Welt sagt, dass der Mensch ein Ziel nat, weil sie dort ihren Mund auftut, wo alle anderen nur die Achseln zucken."
Ich weiß nicht, ob dies genau die Worte sind, die damals Hildegard Knef zu hören bekommen hat. Ich finde mich aber in den Worten des Priesters mit meinen Hoffnungen und Sehnsüchten aufgehoben. Ich hoffe immer wieder, dass unsere Kirchen genau das tun: den Mund aufmachen, wo alle anderen nur die Achseln zucken. Natürlich habe ich schon oft das genaue Gegenteil erlebt, dass Kirchenleute genauso weggesehen haben und genauso geschwiegen haben, wie alle anderen. Aber die Hoffnung, dass es nicht so bleibt, und die Erfahrung, dass ich im Glauben an die Auferstehung einen Mut bekomme, den ich mir so vorher gar nicht zugetraut hätte - dies möchte ich mir nicht nehmen und ausreden lassen. Denn genau diese Situation macht die Kirche aus, von Anfang an - schon bei der Verurteilung und der Kreuzigung Jesu: Die Leute laufen weg oder sehen nicht hin, sagen nicht, was sie wissen, und reden sich raus. Aber die Erfahrung der Auferstehung Jesu macht aus einem stummen und verschreckten Haufen selbstbewusst auftretende Menschen. Wie sie zu der Erfahrung der Auferstehung gekommen sind? Sie haben sich den kleinen aber entscheidenden Satz Jesu gefallen lassen und sich mit Haut und Haaren - zunächst zögerlich, dann aber mehr und mehr - darauf eingelassen; der Satz lautet:
"Fürchtet euch nicht -
siehe ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt."
A lles Reden und Handeln der Kirche macht nur Sinn, wenn dieser Satz Jesu stimmt. Ob er stimmt, kann niemand beweisen. Dass er stimmt, kann jeder erfahren, der sich darauf einlässt. Denn hinter diesem Satz steckt die Erfahrung Jesu, dass der Tod nicht das letzte Wort über uns hat. Hinter diesem Satz steckt dann aber auch die Erfahrung von Menschen, dass ihnen Lebensmut zuwächst, wo sonst nur der Abschied und die Traurigkeit bestimmend sind. Gerade für unsere Zeiten wünsche ich mir, dass wir in der Kirche neu lernen, aus der Erfahrung der Auferstehung zu reden und zu leben - so wie es der Priester Hildegard Knef gegenüber getan hat.
Eberhard Helling

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