Ev. Kirchengemeinde Lübbecke Ev. Kirchengemeinde Lübbecke

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Sonntag

10:00 Uhr in der St.-Andreas-Kirche
10.30 Uhr im Thomas-Gemeindehaus

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Samstag

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Gemeindebrief Sommer 2011

Lübbecker Gemeindebrief Sommer 2011
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Eine Familiengeschichte 1.Joh.3, 1-6

Korn

Liebe Gemeinde,
Es geht um eine Familiengeschichte. Das besondere an dieser Familiengeschichte, die ich erzählen möchte ist, dass wir alle darin vorkommen. Unsere eigenen Geschichten werden aufgenommen in die große Familiengeschichte Gottes. Die Geschichte von der Geburt Jesu ist der Ausgangspunkt dieser Familiengeschichte Gottes, und der Predigttext bietet uns die Überschriften für die verschiedenen Etappen dieser Familiensaga: es ist die Geschichte vom Vater mit seinen beiden Söhnen.

1. Seht, welch eine Liebe hat uns der Vater erwiesen, dass wir Gottes Kinder heißen sollen - und wir sind es auch! Darum kennt uns die Welt nicht; denn sie kennt ihn nicht.

Eigentlich ist es klar, dass die beiden Söhne zu ihrem Vater gehören. Aber merkwürdig, man lebt zusammen, jahrein, jahraus, man arbeitet zusammen, man feiert zusammen – und man kennt sich doch nicht. Eine tiefe Fremdheit ist eingezogen in das Verhältnis zwischen den Söhnen und ihrem Vater. So sagt der Jüngere eines Tages: gib mir mein Erbe, ich will weg von hier. Und er bekommt alles, was er zum Leben braucht; mehr als genug. Er hat die Großzügigkeit seines Vaters sozusagen in der Hand. Aber er kennt seinen Vater nicht. Er erklärt seinen Vater für tot, der Vater hat ihm im Grunde nichts mehr zu sagen. Er macht sein Leben jetzt auf eigene Kosten. Gut, er lebt sozusagen von der Substanz, die der Alte ihm mitgegeben hat. Aber was soll’s; er ist den Vater los.
Und ganz ähnlich ergeht es auch dem älteren Sohn; am Ende der Geschichte ist auch er von der Großzügigkeit seines Vaters völlig überrumpelt. Als der Vater den verlorenen Sohn wieder aufnimmt, da kann der ältere nur den Kopf über den Alten schütteln. So kannte er seinen Vater nicht, so hatte er seinen Vater noch nie gesehen.
Liebe Gemeinde, ich habe oft den Eindruck, dass genau dies die geistige Situation unserer Zeit ist: man kennt sich - von ferne: Gott und wir, das gehörte vor langer Zeit einmal zusammen – in den goldenen Kindertagen vielleicht. Aber wir haben uns schon längst von unserem himmlischen Vater losgesagt, wir sehen ihn einfach nicht, sehen nicht wie großzügig er ist. Wir müssen allein mit unserem Leben fertig werden. Da hilft kein übermächtiger Gott, er greift auch nicht ein und richtet die Dinge für uns. „Gottes Kinder“ sollen wir heißen, - sollen wir angeblich sein. In der Taufe ist uns allen genau dies versprochen worden. Aber viele werden den Eindruck nicht los: das ist alles nur Behauptung, da steckt keine Wirklichkeit dahinter. Die Welt, die Gott nicht kennt, ist nicht irgendwo, die ist mitten in uns drin. Das ist unsere Welt, - leider!

2 Meine Lieben, wir sind schon Gottes Kinder; es ist aber noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden.

Beim jüngeren Sohn aus der Familiengeschichte wird ganz klar, dass er die Großzügigkeit seines Vaters ins Gegenteil verkehrt: hat der Vater ihm alles mitgegeben, was er zum Leben brauchte, so wirft er das Geld zum Fenster raus. War sein Vater so großzügig, dem Sohn alles anzuvertrauen, so versucht der Filius mit dem Geld sich Freunde zu kaufen. Es wird überhaupt nicht deutlich, dass er der Sohn seines Vaters ist. Er ist und er bleibt zwar der Sohn seines Vaters – aber durch sein Verhalten, wegen seiner Undeutlichkeit, seiner Ungewissheit, wohin sein Leben führen soll, kann man diese Verwandtschaft vergessen.
Nein, es ist nicht offensichtlich, dass wir in einer besonderen Beziehung zu Gott leben. Wir leben, ja; wir leben ordentlich, das versuchen wir zumindest; wir leben anständig, meistens; aber auch als Kirchenleute müssen wir uns doch fragen lassen: woran wird erkannt, dass wir Kinder Gottes sind?! Etwa an der Steuerbescheinigung, auf der noch „evangelisch“ angekreuzt ist? Oder am Kirchenbesuch, 1x im Monat, oder doch lieber 1x im Jahr, weil man nicht so heuchlerisch sein und das Christsein zeigen möchte?
„Erlöster müssten mir die Christen aussehen, damit ich an ihren Erlöser glauben kann“ - dieser spöttische Satz von Friedrich Nietzsche trifft einen sehr wahren Kern. In unserer Griesgrämigkeit über den Zustand unserer Kirche, in unserer Unfähigkeit einander wirklich zu vergeben, gerade auch unter Christen, in der unsäglichen Geschwätzigkeit über die Fehler anderer Leute sind wir keine glaubwürdigen Söhne und Töchter unseres himmlischen Vaters.

Wir wissen aber: wenn es offenbar wird, werden wir ihm gleich sein; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.

Und genau das ist der Wendepunkt in der Familiengeschichte: als der verlorene Sohn am Tiefpunkt seiner Karriere angekommen war, da wollte er zu seinem Vater zurück, um dort wenigstens den Bauch füllen zu können. Doch was geschieht? Als er zu seinem Vater zurückkehren will, da rennt ihm der Alte schon entgegen. Völlig gegen die Norm, völlig unerwartet kommt der Vater und wirft sich seinem missratenen Sohn förmlich an den Hals. Das, liebe Gemeinde, diese Haltung des Vaters, dieses Hinauslaufen aus der väterlichen Sicherheit hin zum Elend des armen Kindes – das genau ist Weihnachten:
Er äußert sich all seiner G’walt, / wird niedrig und gering /
und nimmt an eines Knechts Gestalt / der Schöpfer aller Ding, /
der Schöpfer aller Ding.
So präzise beschreibt das alte Weihnachtslied die Haltung Gottes: er hält es nicht in seiner väterlichen Unangefochtenheit aus; er möchte bei seinem Kind sein, das den Weg nach Hause nicht findet. Deswegen rennt der Vater in der Familiengeschichte seinem Sohn entgegen. Deswegen kommt in der Weihnachtsgeschichte Gottes Sohn in einem armseligen Stall zur Welt, damit die Menschenkinder wissen, es trennt uns nichts mehr von unserem himmlischen Vater, er ist auf unsere Seite gekommen, er macht sich uns zum Verwechseln ähnlich, wird ein armes kleines Menschenkind, das am Ende seines Lebens auch nur noch schreien konnte: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen – er wird niedrig und gering.
Warum das alles? Damit wir endlich, endlich sehen, wie Gott wirklich ist: barmherzig und nicht engstirnig (aller Fundamentalismus, der sich gegen andere nur abgrenzen kann und sich selbst absolut setzt kann nicht von unserem Gott stammen), großzügig ist Gott und nicht kleinlich (alle moralische Erbsenzählerei hat nichts von Gott begriffen), voller Liebe zu seinen Menschenkindern und nicht in eiskalter Ferne zu ihnen. Darum geschieht Weihnachten, darum wird uns die Familiengeschichte Gottes erzählt.
Und damit wir ihm gleich werden. In der Familiengeschichte vom Vater mit den beiden Söhnen gibt es ein kleines, aber wichtiges Detail. Als der Vater seinen jüngeren Sohn wieder hat, da setzt er ihm seinen Ring auf den Finger. Das ist der Siegelring der Familie. Damit ist er als Sohn dieses Vaters vollgültig eingesetzt und anerkannt. Es ist wie die Taufe: in ihr besiegelt Gott seine Vaterschaft an uns und wir sind als Kinder des himmlischen Vaters anerkannt.

3 Und ein jeder, der solche Hoffnung auf ihn hat, der reinigt sich, wie auch jener rein ist.

Als Kind dieses Vaters zu leben, bedeutet also sich von seiner Art prägen zu lassen. Keine moralischen Höchstleistungen, sondern sich die Einladung zum Fest gefallen lassen. Denn das Fest mit Musik und Tanz und gutem Essen, das ist es, wozu der Vater sein verlorenes aber nun wieder gefundene Kind einlädt. Denn niemals mehr sollen wir knickerig, kleinlich, kleinmachend von unserem himmlischen Vater denken. Gott möchte uns als seine Kinder fromm und fröhlich sehen. Fromm und nicht frömmelnd, das meint: wirklich auf ihn ausgerichtet und von ihm alles Gute erwarten. Und selbst dann, wenn es so ganz anders ausgeht in unserem Leben, wenn die Schicksalsschläge nicht abreißen wollen, wenn Krankheit oder Streit in unserem Leben den meisten Platz beanspruchen, selbst dann die Verbindung zu ihm nicht aufkündigen – und wenn wir auch nur seinem Sohn nachsprechen können: warum, warum? Dann ist dieses Warum immer noch reiner, immer noch besser als jede theologisch korrekte Erklärung der schlimmen Welt. Denn die Erklärung hält ihn auf Abstand, die Frage „warum?“ sucht wenigstens noch die Nähe des Vaters – und ist deswegen allemal besser, als jede noch so stimmige Erläuterung.

4 Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht.5 Und ihr wisst, dass er erschienen ist, damit er die Sünden wegnehme, und in ihm ist keine Sünde.6 Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer sündigt, der hat ihn nicht gesehen und nicht erkannt.

Das ist die immer noch unmögliche Möglichkeit, dass der ältere Sohn in der Familiengeschichte die Einladung zum Fest ausschlägt. Was in unserem Bibeltext als Sünde bezeichnet wird, das ist ja nicht eine mehr oder weniger große moralische Verfehlung. Die Sünde, die wir Menschen uns noch und noch leisten, das ist das Misstrauen gegen die Freundlichkeit des Vaters. (V.5:…) Der Vater erscheint, er verlässt noch einmal sein Haus, um dem anderen Sohn entgegenzugehen. Er kommt auch zu seinem älteren Sohn, auch den braven und anständigen Kindern gegenüber macht sich Gott niedrig und gering, tritt ihnen gegenüber als Bittsteller auf, um sie bei dem großen Fest dabei zu haben.
Auch für sie, auch für uns wird es Weihnachten; Gott nimmt das Misstrauen aus unseren Herzen, indem er sich als ein Kind in unsere Hände begibt. Und dieses Vertrauen, das Gott in uns setzt darf unser Leben bestimmen.
Wir wissen doch, welche Wohltat es ist, wenn man einem vertrauenswürdigen Menschen begegnet. Und wir hätten Weihnachten, Taufe und Abendmahl nicht vergeblich gefeiert, wenn Vertrauen neu unser Leben prägt. Ein Vertrauen, dass sich nicht auf moralische Unversehrtheit gründet. Solch ein Vertrauen bricht schnell in sich zusammen. Vielmehr ein Vertrauen, das aus der Weihnacht kommt, in der der himmlische Vater sich seinen Menschenkindern ausliefert, mit Haut und Haaren, um bei ihnen zu sein.
Gott und Mensch – in Jesus sind sie miteinander versöhnt und in unserem Leben dürfen sie immer wieder zusammen kommen – jeden Tag neu. Gott sei Dank.

Amen