Nicht schneller als der Schutzengel
Pfarrer Heling zum Thema Verkehrsmittel
Angesichts des dramatischen Klimawandels fordert die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) konsequentes Handeln. Im November diskutierten 120 Kirchenparlamentarier der EKD-Synode einen Kundgebungsentwurf, der einen „zukunftsfähigen Lebenswandel“ zum Ziel hat. „Die beschleunigte Klimaerwärmung ist von uns Menschen verursacht und stellt eine ernsthafte Bedrohung an allen Orten der Welt dar“, heißt es in dem Papier.
Neben dem endgültigen Ausstieg Deutschlands aus der Kernenergie-Nutzung fordert die evangelische Kirche ihre Mitarbeiter dazu auf, auf Autobahnen nicht schneller als 120 Stundenkilometer zu fahren. Wie stellen sich die Kirchenvertreter hier vor Ort zu dieser Frage? Die NW ist der Frage nachgegangen.
Schon vom Äußeren entspricht Pfarrer Eberhard Helling nicht dem klassischen Bild eines Kirchenvertreters. Er öffnet die Tür in weißem Baumwollhemd und schwarzer Lederhose. So sehen Menschen aus, die werktags Anzüge tragen (müssen) und zum Wochenende hin Lockerheit demonstrieren. Das Treffen findet jedoch zur normalen Arbeitszeit statt, und Hellings Auftreten ist alles andere als aufgesetzt.
Die Frage nach der selbst auferlegten Geschwindigkeitsbegrenzung kann ihn nicht in Verlegenheit bringen, denn er ist so etwas wie das grüne Gewissen des Lübbecker Kirchenkreises. „In dieser Familie gibt es vier Führerscheine und einen Pkw“, erklärt Helling. „Und daran wird sich auch nichts ändern.“ In absehbarer Zeit ist neben den beiden Söhnen auch die Tochter im Führerschein-Alter. „Alles eine Frage der Organisation“, sagt er mit einem Lächeln.
In Lübbecke gibt es kaum Augenzeugen, die den Theologen am Steuer seines gasbetriebenen Fahrzeuges sehen. Wann immer möglich, ist Helling mit dem Fahrrad unterwegs. „Ich sehe Eltern, die ihre Kindern die 500 Meter zu unserem Kindergarten mit dem Auto fahren“, sagt er entsetzt. „Da fehlen mir einfach die Worte.“
In diesem Moment steckt einer der Söhne seinen Kopf zur Tür hinein und fragt, ob er mal eben das Auto haben kann. Die Situation hat das Potenzial für ein nicht zu unterschätzendes Fettnäpfchen, aber das Fahrtziel ist klimapolitisch durchaus korrekt: Es geht zum örtlichen Radhändler.
Die angestrebten 120 Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit sind für Eberhard Helling keine Umstellung. „Natürlich drückt man schon mal aufs Gas, wenn man spät dran ist. Aber zeitlich bringt es bekanntlich kaum etwas“. Generell tritt er für den weitgehenden Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr ein. „Mobilität ist ein wichtiges Gut in unserer Gesellschaft. Reisen heißt am Leben teilhaben. Einer Privatisierung der Bahn stehe ich daher skeptisch gegenüber, denn Mobilität muss für jeden erschwinglich bleiben.“ Einen Teil seiner Arbeitszeit verbringt Helling in Bielefeld, wohin er mit der Eurobahn fährt. „Der Spritpreis ist noch viel zu niedrig. Nur über die Kosten werden wir die Menschen dazu bringen, den öffentlichen Nahverkehr mehr zu nutzen“, sagt er.
Der Kundgebungsentwurf der Synode sieht Pfarrer Helling mit Wohlwollen. „Ich bin beeindruckt, wie deutlich sich die Synode positioniert – gerade auch zum Thema Atomausstieg.“ Er meint einen Trend zu erkennen. „Je älter die Menschen werden, desto deutlicher ihre Worte.“
Das treffe auch auf den Autor des Entwurfs und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche, Wolfgang Huber, zu. „Am Ende müssen wir uns vor Gott verantworten“, meint Helling. Seine bisherige umweltpolitische Bilanz kann sich da durchaus sehen lassen…
Ortspfarrer Friedrich-Wilhelm Beckmann, seit fast 40 Jahren in
Gekürzt nach einem Artikel von Tyler Larkin
© 2008 Neue WestfälischeZeitung für den Altkreis Lübbecke, Montag 29. Dezember 2008

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